Target Panic
Von Gunther Gödl
Wieso geht mein Pfeil nicht mehr dorthin, wohin ich ziele, warum kann ich nicht mehr richtig ausziehen und überhaupt was zum Teufel geht in mir vor? Scheibenpanik muss es sein, davon habe ich schon gehört. Aber was ist das?
Irgendwann ereilt es jeden oder fast jeden. Mich hatte es auch hart getroffen. Dann bist du hilflos, entsetzt und voller Zweifel und plötzlich macht dein Körper nicht mehr was er soll. Gestern war das doch noch alles ok, wieso treffe ich auf einmal den Bock nicht mehr? Dann geht es los: das kann doch nur an den neuen Pfeilen liegen, oder war es doch der Wind? War ich nicht gut drauf oder habe ich mich nur verschätzt? Man denkt darüber nach, das Material auszutauschen und zu verbessern, setzt da vieles um und: es wird nicht besser. Dann kommt die Psychologie ins Gespräch. Ja das ist es! Also ich brauche einen guten Psychologen, der biegt das schon wieder gerade. Da habe ich doch was gehört von Kidwell und Konditionierung (also den Schuss lösen, wenn das Signal Gold vor Augen die Belohnung darstellt). Das muss es sein! Aber ich reagiere doch immer, wenn das Gold oder das Kill im Sichtfeld sind und doch geht der Schuss sonst wo hin. Spätestens jetzt muss man feststellen, das Problem ist doch umfangreicher.
Im Sport und auch bei anderen Tätigkeiten treten immer wieder motorische Störungen auf, und man findet sie in allen Sportarten. Beim Turmspringen nennt man es Lost Move Syndrom, beim Golf kennt man das Yips-Phänomen und beim Bogenschießen heißt es Target Panic. Alle haben die gleichen Symptome: unwillkürliche Bewegungen in Hand und Armen, genauso wie Einfrieren und nicht mehr loslassen können. Diese Phänomene werden unter dem Oberbegriff „paradoxical performance„ (widersinnige Ausführung) zusammengefasst. (siehe: Das Yips-Phänomen als Leistungskiller, Dt. Sporthochschule Köln, AZ 070808/13-14)
Target Panic ist, nach meiner Erfahrung, ein lang währender Prozess, bei dem sich winzig kleine Fehler einschleichen, die sich letztendlich summieren und zu einem großen vereinen. Am Anfang kann man den einen oder anderen Fehler noch korrigieren, doch irgendwann ist die motorische Disharmonie so groß, dass nichts mehr geht. Besonders bei visierlosen Schützen ist die Veränderung des Auszugs nicht so schnell erkennbar. Der Olympic-Schütze hat den Klicker und der Compoundler kann immer bis zum Anschlag ziehen, denkt man. Diesen Vorteil hat ja der LB- oder TRB-Schütze gar nicht. Er braucht unbedingt das gute Gefühl in der richtigen Spannung/Position zu sein. Doch auch Olympic- und Compoundschützen kommen ohne das nicht aus.
Bei allen ist eines gleich: wenn die Rückenspannung nicht mehr stimmt, stimmt die Schussgeometrie zwischen Bogenarm und Zugarm nicht mehr und man kommt nur schwer oder nicht mehr in den Endauszug. Die Schulter des Bogenarms zieht sich nach oben, der Zugarm steht fast rechtwinklig ab, die Zugfinger werden länger, das Auge kommt nicht über den Pfeil und eine unerklärliche Unruhe macht sich breit. Beim Lösen wird dann noch verrissen und der Schuss geht überall hin, nur nicht dahin, wo man will. Doch nicht das Gold der Scheibe ist der Grund. Schuld an der Misere ist die momentane körperliche Disharmonie. Vollauszug und Rückenspannung stellen sich nicht ein, Unbehagen macht sich breit und das Einzige, was man weiß, ist: das wird nichts!
Der Weg zurück ist nicht einfach, denn man muss dem Körper mit Geduld wieder den richtigen Ablauf antrainieren. Das ist sehr schwer und dauert. Aber es ist möglich. Zielgerichtetes Krafttraining unter Anleitung eines Physiotherapeuten, dem man sein Problem erklären muss, damit die richtigen Muskeln trainiert werden.
Auch ein kleines technisches Hilfsmittel ist sehr hilfreich: ein Klicker für LB und TRB. Ihr werdet euch wundern, wie lange der Pfeil plötzlich ist, den ihr früher problemlos, aber in Rückenspannung, geschossen habt. Aber genau das ist der Punkt: wenn man wieder in den Auszug und in die Rückenspannung kommt, fliegt der Pfeil wieder dahin, wo man will. Auch blind schießen auf 10 – 18 m ist eine große Hilfe, weil man sich mit geschlossenen Augen ganz und gar auf den Schussablauf konzentrieren kann und das verloren gegangene Gefühl wieder aufbauen und festigen kann. Zur Kontrolle noch Aufnahmen mit Kamera oder Handy, dies visualisiert die Problematik und hilft beim Abstellen der Fehler. Nur möglichst viele Pfeile rausbolzen bringt gar nichts. Jeder überlegte und nachempfundene Schuss ist mehr wert.
Und jetzt noch den Geist pflegen: Maßnahmen, die zu einem entspannten Bewusstsein führen, müssen auf jeden Fall ihren Raum haben. Nur wer innerlich gefestigt und überlegt an die Schießlinie geht, kann seine Fähigkeiten abrufen. Autogenes Training, Autosuggestion und Selbsthypnose helfen uns wieder zur Ruhe. Das geistige Durchspielen des Schussablaufes stärkt das Bewusstsein und gibt uns Ruhe.
Der Coach und Mentaltrainer M. Werner, ein sehr erfahrener Mann mit internationalen Referenzen, sagte zu mir: Sie können Bogenschießen, Sie müssen es nur wieder so machen wie zu der Zeit als es gut gelaufen ist. Gehen Sie in Ihre Erinnerung und lassen Sie dem Ablauf und guten Schussgefühl wieder seinen Platz und Sie werden wieder treffen. Da ich bereits Erfahrungen mit autogenem Training hatte, war das Taschenbuch „Entdecke Deine Möglichkeiten„ von Matthias Werner eine große Hilfe, um in Stresssituationen entspannen zu können.
Bleibt also dran, achtet auf die Rückenspannung, lasst die Bogenschulter unten, achtet darauf, dass der Bogenarm nicht verdreht ist, schießt langsam und lasst das gute Gefühl wieder in den Ablauf.
Viel Geduld und auch Spaß beim Umsetzen!
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