Wie genau kann man treffen?
Mensch und Equipment
Die Frage, wie gut man treffen kann, hat zwei Aspekte. Zum einen hängt es sicher vom Gerät ab, welches man schießt. Ein Compound ist nun mal präziser als ein Selfbow. Und zweitens ist da noch der Faktor Mensch. Es gibt unterschiedliche Talente und Levels, auf denen man schießen kann. Da kann es schon sein, dass jemand mit dem Langbogen besser trifft als ein anderer mit dem Compound.
Immer wieder stößt man in Diskussionen oder im Internet auf die Frage, wer schießt besser. Jemand mit einem Compound oder mit einem einfacheren Bogen. Betrachtet man die Punkte bei einem Turnier, ist die Frage relativ schnell beantwortet. Allerdings kann man auch hier des Öfteren sehen, dass ein Recurveschütze mehr Punkte geschossen hat und im Mittelfeld der Compoundschützen liegen würde.
Das Equipment
Einen wesentlichen Einfluss auf die Treffsicherheit hat sicher die Ausrüstung, also Bogen und Pfeile. Je präziser diese gefertigt sind, desto genauer kann man auch schießen. In den letzten 30 Jahren hat sich das Equipment ständig verbessert. Was in den 90er-Jahren noch als sehr gut galt, ist im Vergleich zu den heutigen Geräten in den meisten Fällen schlicht Gelumpe.
Aber auch die Schießtechnik ist von Bedeutung. Wer mit einem Release schießt, vermeidet mehr Lösefehler als jemand, der mit den Fingern schießt. Und noch eines ist von Bedeutung, nämlich ob man mit einem Visier schießt oder nicht. Betrachtet man die Bogenklassen, so ergibt sich bezüglich der Kriterien eine Rangreihe der Präzision: Compound, Olympic Recurve, Barebow, traditioneller Recurve, Langbogen und Selfbow.
Am besten könnte man die Sache klären, wenn man den Faktor Mensch ausklammert. Das könnte man sehr gut mit einer Schussmaschine tun. Würde man auch Umweltbedingungen, wie Wind oder Temperatur ausschließen – das kann man am besten in einer Halle tun – dann müsste jeder Schuss im gleichen Loch stecken. Tut er das nicht, liegt es eindeutig am Equipment. Man könnte hier sehen, ob der Bogen immer gleich arbeitet oder ob die Pfeile alle gleich gebaut sind.
Der Mensch
Mit der Weiterentwicklung des Materials hat sich auch die Schusstechnik zum Besseren verändert. Viele steigen schon mit wesentlich mehr Hilfe in den Sport ein. Das betrifft vor allem die traditionellen Schützen. Obwohl hier oft auch nach dem Motto „Learning by Shooting" verfahren wird, gibt es doch eine Menge von Informationen, die man über Bücher und Videos erhalten kann. Ob das Internet immer das Beste ist, bleibt zu bezweifeln. Immer wieder versuchen in Foren oder auf YouTube selbsternannte Experten ihr vermeintliches Wissen an den Mann/die Frau zu bringen. Und Experte ist ja bekanntlich, wer weiß, wo beim Bogen vorne und hinten ist. Kleiner Einschub: Überprüft das mal selbst, ob ihr das wisst. Holt man sich Informationen aus dem Internet, müsste man zumindest erkennen, was richtig oder falsch ist. Man muss also ein gewisses Vorwissen haben, um das dort Angebotene auch richtig einordnen zu können.
Vergleich mit den Besten
Schaut man sich die Ergebnisse von Indoor-Turnieren an, kann man sehen, auf welchem Präzisionsniveau geschossen werden kann. Hier sind Umwelteinflüsse praktisch ausgeschlossen. Wer also wissen will, wo er steht, braucht sich nur mit den besten der Welt zu vergleichen. Das betrifft im Übrigen alle Bogenklassen.
Wohl einer der besten seines Faches ist der Niederländer Mike Schloesser. Im Jahr 2015 schoss er mit dem Compound im Alter von 21 Jahren mit 60 Pfeilen unglaubliche 600 von 600 möglichen Punkten. Die Schussdistanz ist dabei 18 Meter und der Zehner für Compoundschützen gerade mal zwei Zentimeter im Durchmesser. Viele Pfeile haben dabei den 10er-Ring gar nicht berührt. Und bei den Damen liegt der Weltrekord bei 597; auch nicht schlecht!
Vergleiche kann man eigentlich nur in standardisierten Situationen feststellen. Dabei müssen Entfernungen und Bedingungen immer gleich sein. Das ist eben in der Halle der Fall. Bei Feldbogen- oder 3-D-Turnieren, wo kein Parcours dem anderen gleicht, ist es schon schwieriger, obwohl es auch hier nationale und internationale Rekorde gibt.
Indoor
In Österreich werden Indoor-Meisterschaften nach World Archery geschossen. Dabei sind die Klassen Compound, Olympic Recurve, Barbow, Instinctive Bow (entspricht in etwa dem Traditional Recurve der IFAA) und Langbogen startberechtigt. Hier kann man dann sein eigenes Niveau an den Besten messen. Die untenstehende Tabelle zeigt die Rekorde in den traditionellen Klassen. Um mit dem Instinctive Bow beispielsweise auf diesem Level zu sein, hat man einen Streukreis von 102 Millimeter bei den Herren, bzw. 136 bei den Damen.
3-D-Turniere
Etwas schwieriger ist es schon, den Vergleich mit 3-D-Schützen zu machen. Nimmt man die Ergebnisse z.B. der WBHC (World Bowhunter Championships) oder EBHC (European Bowhunter Championships) der IFAA kommt man der Sache schon etwas näher.
Mit dem Bowhunter-Recurve schießen die besten fünf Herren bei der Dreipfeilrunde zwischen 500 und 540; bei 560 möglichen Punkten. Das ergibt einen Schnitt von 19,4 für den Sieger, zwischen 17,9 und 19,3 im Schnitt für die besten 5 pro Ziel. Und das bei Entfernungen bis 54 Meter. Wobei hier als 20er der große Kill gewertet wird. Das bedeutet aber trotzdem, dass von 28 Schüssen 21 Kills dabei sein müssen. In der untenstehenden Tabelle sind die Details ersichtlich.
Ähnliche Überlegungen kann man auch bei den 3-D-Turnieren der WA (World Archery) anstellen. Hier werden in der Qualifikation auf 24 Ziele zwei Zweipfeil-Runden geschossen. Die Zählweise ist dabei abgestuft: 11, 10, 8 und 5. In Summe könnte man dabei maximal 528 Punkte (48 x 11) schießen. Die maximale Entfernung beträgt dabei für traditionelle Schützen 30 Meter.
So lag beispielsweise bei den letzten Europameisterschaften 2018 in Schweden der Bestscore bei den Herren bei den Instinctive Bows in der Qualifikation bei 434 Punkten. Das ergibt bei 48 Schüssen einen Schnitt von 9.0. Dabei hatte der Erstplatzierte in der ersten Runde 6 Körpertreffer, in der zweiten nur einen.
Verschiedene Zielsysteme
Schießt man mit einem traditionellen Bogen ohne Zieleinrichtung, kann man trotzdem unterschiedlichste Zieltechniken verwenden. Dabei geht es vor allem um die Einstellung des Abschusswinkels. Dieser kann gefühlsmäßig, mit der Pfeilspitze oder auch mit dem Bogenfenster eingestellt werden; um nur einige zu nennen.
Wer z.B. instinktiv schießt, wird bei weiten Entfernungen seine Probleme haben. Diese Zieltechnik ist bei Entfernungen über 40 Meter sicher nicht die beste, wiewohl es Schützen gibt, die sehr gut damit auch treffen. Bei solchen Entfernungen ist sicher ein Zielsystem, mit dem man über die Spitze oder das Bogenfenster zielt, besser; für die meisten zumindest.
Auch hat man bei kürzeren Entfernungen bis 30 Meter, so wie sie bei WA-Turnieren vorkommen, oft bessere Chancen mit Point of Aim, also mit der Pfeilspitze. Ist der Bogen richtig eingestellt und der Unterschied der Pfeilspitze am Ziel nicht sehr groß, ist die Sache relativ einfach.
Von außen sieht man, ob jemand mit einem Zielsystem oder nach Gefühl schießt daran, dass Systemschützen sehr lange ankern und oft ein Auge zukneifen. Man braucht dazu nämlich kein räumliches Sehen.
Schlussfolgerung
Die ursprüngliche Frage lautete: Wie genau kann man treffen? Die Frage kann man objektiv oder für sich selbst beantworten. Will man es objektiv beantworten, nimmt man die weltbesten Schützen. Die besten Scores in den jeweiligen Klassen bei IFAA und WA dürften somit das sein, was man derzeit schießen kann. Je weiter es allerdings Richtung Full Score geht, wird die Luft natürlich sehr dünn. Bei 544 Punkten bei der IFAA-Dreipfeil-Runde sind es nur mehr 16 Punkte bis zum Maximum. Und ein Punkteschnitt von 9,0 bei einer WA-Zweipfeil-Runde bedeutet auch, dass statistisch kein einziger Pfeil außerhalb des großen Kills war. Will man sich mit Könnern vergleichen, muss man aber auch bedenken, dass die meisten „normalen„ Turniere nicht so schwierig zu schießen sind, wie WMs und EMs. Wer also bei einem „Wald- und Wiesenturnier„ mal 500 Punkte schießt, sollte dabei die Entfernungen immer auch mitdenken. 500 sind nicht gleich 500!
Will man wissen, wie gut man selbst maximal treffen kann, sollte man das Equipment, die Schuss- und die Zieltechnik optimieren. Jeder hat mal einen extremen Ausreißer nach oben, sei es auf einem Parcours oder auf eine bestimmte Entfernung auf eine Auflage. Dazu rechnet man dann noch einige Prozent Steigerung bei der Beachtung aller oben genannten Faktoren und man ist an seinem persönlichen Maximum angelangt. Aber auch das braucht seine Zeit. Also nicht verzagen und trainieren.
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