Was man über Sehnen alles wissen muss

Bei vielen Bogenschützen, auch den technikinteressierten, begrenzt sich das Wissen über Sehnenmaterial häufig auf: „Dacron dehnt sich ein bisschen, Fast Flight nicht." Nun, dies ist nicht falsch, das Ganze ist jedoch um einiges komplexer. Die Dehnung bzw. Verlängerung einer Sehne unterteilt sich in drei Unterarten. Sehnen sind Verschleißteile, was es notwendig macht, sie nach einiger Zeit zu tauschen. In der Regel werden Bögen mit einer passenden Sehne ausgeliefert und man kann sicher sein, dass es auch die richtige ist.

Historisches

Seit mindestens 64.000 Jahren wird nach dem optimalen Bogensehnenmaterial gesucht. Bogensehnen mussten in früheren Zeiten mit leicht verfügbarem Material in der unmittelbaren Umgebung hergestellt werden. Sie sollten aus einem Material bestehen, das gedehnt werden konnte, ohne zu brechen. Auch mussten sie langlebig sein. Glücklicherweise gab es in der Vergangenheit eine Fülle natürlicher Materialien mit einigen oder allen dieser Eigenschaften.

Pflanzenfasern wurden früher und werden auch heutzutage für die Herstellung von Schnüren und Seilen verwendet. Einige dieser Fasern sind nicht nur in großer Menge verfügbar, sondern auch für die Herstellung von Sehnen geeignet. Dazu wurden in unseren Gegenden Flachs und Hanf verwendet, in tropischen Gefilden Schilf, Bambus oder die Rinde verschiedener Bäume.

In einigen Gebieten der Welt, wie den rauen und trockenen östlichen eurasischen Steppen, waren geeignete Pflanzen eher selten. Trotzdem waren diese Kulturen in der Lage, komplizierteste und leistungsfähigste Bögen zu bauen. Und auch Sehnenmaterial gab es genügend. Vor allem Seide, Tierhäute und Tiersehnen wurden dazu verwendet.

Diese Naturmaterialien waren allerdings sehr feuchtigkeitsempfindlich und dehnten sich bei Nässe aus. Deshalb mussten die Sehnen früher regelmäßig gewachst werden, was auch heute noch anzuraten ist.

Hanf:
Hanf zählt zu den ersten Pflanzen, die schon vor etwa 50.000 Jahren zu Fasern gesponnen wurden.
Flachs:
Flachs war im mittelalterlichen Europa ein weit verbreitetes Material für Bogensehnen.
Tiersehnen:
Sie wurden vor allem dort als Sehnenmaterial verwendet, wo es keine pflanzlichen Rohstoffe gab.

Sehnenarten

Empfohlene Strangzahlen
Empfohlene Strangzahlen

Im Wesentlichen gibt es zwei verschiedene Arten von Sehnen. Dabei unterscheiden sie sich lediglich im Herstellungsverfahren, dieses hat aber enorme Auswirkungen auf die Fluggeschwindigkeit der Pfeile.

Flämischer Spleiss
Bei dieser Machart werden die Kunststoff-Stränge miteinander fest verflochten. Es gibt wenig Hohlräume zwischen den einzelnen Seilen. Die Schlaufen zum Einhängen an den Enden (die sogenannten „Sehnenöhrchen„) werden am Ende eingespleißt, sodass ein Lösen fast unmöglich ist. Von der Optik her ist eine solche Bogensehne der traditionellen Sehne sehr ähnlich. Für den Bogenschützen fühlt sie sich sehr sanft an und beim Abschuss eines Pfeils ist sie so gut wie lautlos. Da eine solche flämisch gespleißte Bogensehne etwas nachgibt, wird ein Teil der Bogen-Energie abgefangen, was wiederum auf Kosten der Geschwindigkeit des Pfeils geht.
... Flämische Spleiß machen

Endlossehne
Bei einer Endlossehne werden die Sehnenöhrchen am Ende gewickelt. Dabei werden die Kunststoff-Strähnen zu einer Schlaufe umgeschlagen und das Ende getakelt. Solch eine Takelage kennt man auch aus der Schifffahrt, wenn an Tauenden Schlaufen benötigt werden. Der mittlere Teil der Sehne, der am meisten durch den Pfeilabschuss beansprucht wird, wird ebenfalls getakelt. Außerhalb dieser beanspruchten Teile können die Sehnenseile auch nebeneinanderliegen. Der Vorteil einer solchen Endlossehne liegt darin, dass sie nicht nachgeben und somit die gesamte Energie des Bogens auf den Pfeil übertragen wird. Die Pfeile, die mit einer solchen Bogensehne abgeschossen werden, sind in der Regel sehr schnell. Da die Sehnenstränge nicht verflochten werden, sind sie nicht so geräuschlos beim Abschuss wie die flämisch gespleißten.

Endlossehne:
Das Sehnenende wird umwickelt.
Links: Öhrchen einer Endlossehne
Rechts: Öhrchen einer Flämischen Spleiß-Sehne
Flämische Spleiss:
Das Sehnenende wird verflochten.

Eigenschaften und Material

Eigenschaften von modernen Sehnen
Bogensehnen werden heute aus strapazierfähigen Kunststoffsträngen hergestellt. Diese sind sehr robust und halten eine große Zugkraft aus. Sie sind unempfindlich gegen Nässe, dehnen sich fast nicht mehr. Trotzdem gibt es im Laufe der Zeit Veränderungen. Das ist natürlich abhängig von der Qualität.

Stretch
Eine reversible Dehnung der Sehne. Man könnte es auch als Elastizität bezeichnen, ähnlich dem Verhalten eines Gummibandes.
Creep
Eine permanente, molekular bedingte Verlängerung des Materials. Sie ist temperaturabhängig und nicht reversibel.
Slip
Eine permanente Verlängerung der Sehne, verursacht durch Knoten oder Wicklungen, welche sich festziehen oder auch gelöst haben. Es ist keine Materialdehnung und kann ein Zeichen für schlecht gewickelte Sehnen sein.

Sehnenmaterial
Dacron

Vor Einführung des heutzutage auch auf traditionellen Bögen immer mehr verwendeten Sehnenmaterials Fast Flight, war Dacron B 50 das Standardsehnengarn. Es handelt sich dabei um einen polymeren Kunststofffaden, dessen Erfindung und Verwendung einen Quantensprung im Sehnenbau darstellte. Im Verhältnis zu herkömmlichen Materialien wie Garn, Seide etc., hatte Dacron eine weit höhere Bruchlast bei gleichem Querschnitt, die Sehnen hielten mit einem Mal weitaus länger und hatten eine extrem verbesserte Festigkeit.

Aufpassen muss man mit B 50-Sehnen vor allem im Regen, da sie in diesem Fall ziemlich nachgeben, wenn sie nicht sehr sauber gewachst und dadurch vor Feuchtigkeit geschützt sind. Die Folge ist dann natürlich, dass die Spannhöhe nicht mehr stimmt, was im Zusammenhang mit meist ebenfalls nasser, etwas traurig dreinschauender Befiederung, einen katastrophalen Pfeilflug ergibt.

Besitzer von Dacron B 50-Sehnen sollten auch öfter als andere die Spannhöhe kontrollieren, da speziell bei Verwendung einer ganz neuen Sehne ein deutliches Creeping zu erwarten ist, das aber nach ungefähr 100 bis 150 Pfeilen deutlich zurückgeht, aber immer noch über dem einer Sehne mit einem der „härteren„ Materialien liegt.

Fast Flight und Ähnliches
Die Sehnengarne dieser Kategorie zeichnen sich durch ein Minimum bis gar keine Dehnung aus, außer bei Hitze, wo es zu Creeping kommen kann. Dies bringt natürlich einen Vorteil bei der Energieübertragung, der sich in höherer Geschwindigkeit niederschlägt. Eine Fast Flight-Sehne schwingt im Gegensatz zu einer Dacron B 50 nicht nach, d.h. sie schlägt weniger leicht auf den Unterarm, beansprucht aber, wie schon weiter oben gesagt, den Bogen und dort speziell die Tipoverlays gewaltig. Die schon erwähnte verbesserte Abriebfestigkeit ermöglicht es, mit einer Fast Flight-Sehne bei entsprechender Pflege ohne weiteres 20.000 Pfeile zu schießen.

Spectra weist wesentlich weniger Stretch auf als Dacron und erzeugt dadurch eine höhere Pfeilgeschwindigkeit. Zudem ist es haltbarer, weil abriebfester. Neben Spectra werden noch andere Sehnenmaterialien angeboten.

Fast Flight hat bei höherer Festigkeit sogar einen geringeren Durchmesser als Dacron, eine solche Sehne ist bei gleicher Stranganzahl dann auch entsprechend dünner. Verminderter Durchmesser und geringere Masse bringen wieder etwas an Geschwindigkeit, nur ist eine dünne Sehne nicht so angenehm auf den Fingern und es kann außerdem zu Problemen mit den gewohnten Nocken kommen, die plötzlich nicht mehr einrasten, was sehr oft zu einem ungewollten Trockenschuss führt, da der Pfeil leicht von der Sehne rutscht. Eine etwas stärkere Sehne schießt sich auch ruhiger und angenehmer.

Alle Benutzer älterer Recurve-Bögen der 60er- bis 80er-Jahre seien vor der Verwendung von Fast Flight-Sehnen gewarnt. Diese Geräte wurden nicht dafür gebaut und könnten bei Gebrauch dieses Sehnenmaterials brechen.

Sehnengarne: Unterschiedlichster Hersteller

Wie soll meine Sehne sein?

Die obere Schlaufe ist größer als die untere.
Die obere Schlaufe ist größer als die untere.

In der Regel ist die obere Schlaufe größer. Das hat damit zu tun, weil die untere Schlaufe meist direkt in der Sehnenkerbe sitzt und mit einem Tipschoner überzogen ist. Die obere Schlaufe ist im abgespannten Zustand über den Wurfarm gezogen. Da die Wurfarme zum Griff hin breiter werden, muss auch die Schlaufe größer als der Wurfarm sein.

Die Länge der Sehne und damit die ideale Aufspannhöhe wird durch Eindrehen verändert. Dreht man sie ein, wird sie kürzer, dreht man sie aus, länger. Das ist vor allem dann notwendig, wenn man eine neue Sehne aufgespannt hat. Das Ein- und Ausdrehen ist bei einer Endlossehne theoretisch unbegrenzt möglich. Mehr als 20 Umdrehungen sollten es in der Regel nicht sein. Eine gespleißte Sehne sollte dagegen mindestens 30-mal eingedreht sein, um den Halt des Spleißes zu gewährleisten. Zu weit ausgedreht darf sie aber nicht werden, da sonst der Spleiß seinen Halt verliert. Es sollten mindestens 20 Umdrehungen sein.

Da die Sehne einen Einfluss auf das Schussverhalten hat, sollte man aber darauf achten, dass sie nicht zu dick ist und durch das Eindrehen nicht zu dick wird. Luftwiderstand und Gewicht spielen bei der Beschleunigung natürlich eine Rolle. Je schwerer und dicker sie ist, desto langsamer ist sie auch. Daher sollte man für seinen Bogen schon von vornherein die richtige Stärke kaufen. Untenstehende Tabelle gibt einen Richtwert über die Strangzahl der Sehne vor.

Die Länge wird auch durch einen AMO-Standard festgelegt. Demnach soll die Sehne drei Zoll kürzer sein als die Länge des Bogens. Die Norm betrifft eine bereits vorgestreckte Sehne. Damit hat man auch die Gewähr, dass die Sehne zum Bogen passt.

Geräuschdämpfer

Geräusch- oder Sehnendämpfer
Geräusch- oder Sehnendämpfer

Geräuschdämpfer sollen, wie der Name schon sagt, den Sehnenschlag und damit den Lärm mindern. Ursprung ist, wie bei Vielem, die Bogenjagd. Je weniger Geräusch beim Abschießen des Pfeils erzeugt wird, desto besser. Aus eigener Bogenjagderfahrung muss ich allerdings sagen, dass das herzlich wenig wirkt. Die Tiere hören auf 15 Meter den Sehnenschlag sowieso. Was kann dann also ein Geräuschdämpfer bewirken? Zum einen macht er durch sein Gewicht die Sehne langsamer. Das ist zuerst einmal ein Nachteil. Der Vorteil dabei kann aber sein, dass das Gummi- oder Fellteil als Dämpfer für die Sehne wirkt. Bei Fast Flight-Sehnen ist ein Geräuschdämpfer unbedingt erforderlich, um den harten Schlag dieser Sehne, die sich ja fast nicht dehnt, etwas zu mildern, zumindest nicht so hell klingen zu lassen.

Wir haben festgestellt, dass ein Dämpfer als letzte Möglichkeit helfen kann, einen passenden Pfeil für seinen Bogen zu finden, um die Pfeile doch noch zum sauberen Fliegen zu bringen. Das kann vor allem bei schwachen Selfbows und Langbögen der Fall sein.
Für welche Variante man sich dann entscheidet ist Geschmackssache. Dämpfer aus Fell sehen zwar traditionell aus, sind bei Regen aber ein echter Nachteil. Solche aus Gummi, ob in Streifen oder im Stück, sind da schon praktischer.

Mittelwicklung und Nockpukt

Mittelwicklung
Eine Mittelwicklung hat vor allem zwei Funktionen. Zum einen soll sie die Finger schützen. Ist die Sehne nämlich sehr dünn, kann das bei Fingerschützen sehr schmerzhaft sein. Die wichtigere Funktion ist aber, dass die Sehne in diesem Bereich geschützt wird.

Die einzelnen Stränge brechen mit der Zeit nämlich an Stellen, an denen sie am stärksten beansprucht werden; nämlich unter der Mittelwicklung, am Nockpunkt und an den oberen und unteren Endschlaufen. Werden Klemmringe als Nockpunkte verwendet, sollten sie daher behutsam angebracht werden. Diese punktuelle Quetschung kann das Sehnenmaterial beschädigen und die Lebensdauer der Sehne dadurch erheblich verkürzen.

Nockpunkt
Ein Nockpunkt soll den Pfeil bekanntlich immer an der gleichen Stelle auf der Sehne halten. Verschiebt man ihn, ändert sich auch das Trefferbild. Die Treffer wandern nach oben oder unten. Ob man einen Messingring oder einen gewickelten Nockpunkt verwendet, ist Geschmackssache. Ersterer hat den Vorteil, dass man ihn leichter verschieben kann.

Geteilte Mittelwicklung:
Geteilte Mittelwicklung: Die Mittelwicklung scheuert sich vor allem im unteren Teil ab. Will man nicht die gesamte Wicklung tauschen, könnte man sie zweiteilen; einen kürzeren oben und einen längeren unteren Teil.

Wie pflegt man die Sehne?

Sehnenhalter:
Sehnenhalter: Damit rutscht die Sehne nicht vom Bogen.

Die Pflege der Sehne
Rein werkstofftechnisch reißt eine Sehne nicht, sie bricht. Die einzelnen Stränge brechen mit der Zeit an den Stellen, an denen sie am stärksten beansprucht werden; nämlich unter der Mittelwicklung, am Nockpunkt und an den Schlaufen durch äußere Einwirkung. Klemmringe sollten daher behutsam angebracht werden. Diese punktuelle Quetschung kann das Sehnenmaterial beschädigen und die Lebensdauer der Sehne dadurch erheblich verkürzen.

Um zu verhindern, dass man die Mittelwicklung am Nockpunkt immer neu machen muss, kann man sie zweiteilen. Nutzt sich der untere Teil durch die Berührungen mit dem Armschutz ab, braucht nur der untere Teil der Sehne erneuert zu werden.

Sehnenhalter und Tippschoner
Entspannt man den Bogen oft, ist es ratsam, einen Sehnenhalter zu verwenden. Dadurch rutscht die Sehne nicht vom Bogen und kann sich dadurch nicht ausdrehen. Ähnliches gilt für die Tippschoner für den Bogen. Neben der Schonung der Bogentips, kann auch die Sehne nicht vom Bogen rutschen.

Einige Tests

Jeder Hersteller verspricht, dass die Sehne vor allem Geschwindigkeit bringt. In einer Versuchsreihe haben wir 3 Sehnen mit unterschiedlicher Strangzahl mit/ohne Geräuschdämpfern getestet.

1. Whisperstring (WS)
2. Dacron B50 (DA)
3. Fast Flight+ (FF+)


Bestätigt haben sich einige Dinge, die fast selbstverständlich sind. Bei höherer Strangzahl und bei größerer Standhöhe nimmt die Pfeilgeschwindigkeit ab. Ebenso wirkt sich der Sehnendämpfer eher nachteilig auf die Geschwindigkeit aus.

Bei den Dacronsehnen war ein deutlicher Handschock spürbar bei dem ansonsten sehr ruhigen Bogen. Die Sehne wirkt sich auch auf das Trefferbild aus. Und zwar lagen die Treffer bei 12 Strang mittig tief, bei 14 Strang unten/mittig/links und bei 16 Strang unten deutlich links.

Sehnendämpfer und Geschwindigkeit:
Ein Sehnendämpfer wirkt sich zwar aus, die Unterschiede liegen aber bei den meisten Sehnen im Bereich von maximal 2 FPS. Interessant auch, dass es zwischen FF+ 12 und 14 Strang praktisch keine Unterschiede gibt.
Standhöhe und Geschwindigkeit:
Dacron ist naturgemäß am langsamsten, Fast Flight+ ist am schnellsten. Wobei die Strangzahl bei FF+ nur minimale Unterschiede ergibt.
Tests:
Tests: Geschwindigkeit in FPS bez. Standhöhe und Sehnendämpfer

6... 175

Beitrag bewerten