Umsteigen auf einen anderen Bogen
Langbogen und Recurve scheinen rein optisch eine lange Tradition zu haben. Beide sind zwar historischen Vorbildern nachempfunden, sind aber eine Entwicklung, die erst in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts begonnen hat. Der heutige glas- oder carbonbelegte Langbogen hat mit dem Bogen von Robin Hood wenig gemein. Und die Reiterbögen der asiatischen Steppenvölker des Mittelalters sind nicht mit den modernen Recurves zu vergleichen.
Trotzdem bezeichnet man landläufig beide Bogentypen als traditionelle Bögen. So komisch es auch klingt, das traditionelle Bogenschießen ist die jüngste Bogensportart. Selbst der Compoundbogen wurde früher eingeführt. Und beide Bogenarten setzen keine Tradition fort; weder die englische Langbogentradition noch die Tradition der asiatischen Reiterbögen. Die heutigen Bögen sind Neuentwicklungen, die auch mit modernen Materialien und Fertigungsmethoden hergestellt werden.
Zuerst sollten wir uns über die Leistungsmerkmale von Langbögen und Recurves unterhalten. Wer umsteigen möchte, muss sich dessen bewusst sein. Das ist vor allem dann wichtig, wenn man auf einen leistungsschwächeren Bogen umsteigt. So ist das beim Umstieg von Recurve zum Langbogen der Fall.
Und noch eines muss man vorher wissen. Langbögen und Recurves aus der gleichen Preisklasse sind nicht zu vergleichen. Ein 300-Euro-Recurve mit 30 Pfund Zuggewicht und den passenden leichten Carbonpfeilen kann eine beachtliche Leistung haben. Man kann damit problemlos auf 50 Meter noch gut treffen. Hingegen wird ein Langbogen dieser Leistungs- und Preisklasse das nicht bringen. Bei einem Langbogen wird man schon bei 800 oder mehr Euro einsteigen müssen, um da mithalten zu können.
Langbogen
Technische Details
Ein wichtiger Faktor beim Langbogen ist die Wahl des Bogendesigns. Es gibt Bögen mit geraden Wurfarmen und Bögen mit einem Reflex-Deflex-Design. Im nicht aufgespannten Zustand beeinflusst die Größe an Reflex-Deflex die Vorspannung des Materials. Es ist wichtig, ein gesundes Mittelmaß zu finden, um die maximale Effizienz zu erreichen. Ein Langbogen mit weniger Reflex-Deflex bietet in der Regel ein ruhigeres Schussverhalten, auch wenn dabei einige FPS verloren gehen können.
Auch das Verhältnis zwischen Mittelteil und Wurfarmen spielt eine Rolle bei der Bogenlänge. Eine empfehlenswerte Mittelteillänge beträgt rund 55 Zentimeter (22 Zoll) für eine Gesamtbogenlänge von 68 Zoll. Eine Länge von über 70 Zoll ist in der Regel nicht sinnvoll und eine Länge von unter 66 Zoll sollte auch vermieden werden.
Auch die Auszugslänge ist vom Gesamtdesign abhängig. Ein kurzer Bogen mit einer Länge von 66 Zoll sollte einen maximalen Auszug von 28,5 Zoll haben, um das „Stacking“ zu vermeiden. Wenn man einen längeren Auszug hat, sollte man einen längeren Bogen wählen.
Die Länge des Bogens hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie der Länge des Mittelteils und der Wurfarme sowie der Art des Bogendesigns. Ein 55 cm langes Mittelteil in Verbindung mit Wurfarmen, die eine Gesamtlänge von 68 ergeben, ist gut.
Bei der Wahl der Werkstoffe für die Wurfarme ist es am besten, auf der Rückseite (dem Schützen abgewandte Seite) Carbon und auf der Vorderseite (dem Schützen zugewandte Seite) Glas zu verwenden. Dadurch können leichtere Wurfarme hergestellt werden, die mehr Torsionssteifigkeit und Präzision bieten. Es ist jedoch wichtig, Carbon auf beiden Seiten oder Carbon in der Mitte des Wurfarms zu vermeiden. Je gerader die Wurfarme vom Fade Out bis zu den Wurfarmtips im aufgespannten, nicht gezogenen Zustand sind, desto ruhiger und effizienter ist der Bogen (Bild: Langbogendesigns).
Die Bogenstärke hängt natürlich von der Kraft des Schützen ab. Der Schütze muss berücksichtigen, wie viele Pfeile er schießen möchte und ob er das mit seiner derzeitigen Kraft auch schafft. Leider muss man bei Turnieren mit Holzpfeilen schießen, was einen Nachteil darstellt. Wenn ein Mann nur 30 Pfund ziehen kann, sollte er über einen Recurve- oder Hybridbogen nachdenken, da 30 Pfund bei einem Langbogen zu wenig sind. Für Frauen, die leichtere Pfeile schießen können, wären mindestens 30 Pfund empfehlenswert.
Ein schwererer Bogen ist ruhiger im Schuss. Man kann Zusatzgewichte verbauen oder aber ein sehr schweres Material verwenden. Ein Langbogen zwischen 1.500 und 1.800 Gramm wäre eine gute Wahl.
Ein qualitativ hochwertiger Langbogen sollte in der Lage sein, eine Vielzahl von Pfeilgewichten auszuhalten, ohne dass es zu einem Handschock oder einer Beeinträchtigung der Schussruhe kommt. Oft wird empfohlen, dass das Pfeilgewicht nicht unter 9 Grain pro Pfund gehen sollte. Das ist oft eine Empfehlung von Bogenbauern, die Bögen mit einem hohen Handschock bauen und deshalb ein höheres Pfeilgewicht vorschlagen, um den Schock zu mildern. Ein Indikator dafür, ob das Pfeilgewicht zu gering ist, ist das Geräusch beim Abschuss. Wenn der Bogen zu laut wird, ist es möglicherweise an der Zeit, schwerere Pfeile zu verwenden. Der gute Bogenbauer sollte einen Bogen bauen können, der sich auch mit leichten Pfeilen noch angenehm schießen lässt.
Recurve
Technische Details
Es gibt drei Arten von Recurvebögen: Einen einteiligen mit einem Mittelteil, ähnlich einem Langbogen, einen einteiligen mit einem massiven Mittelteil und einen Take Down, der in drei Teile zerlegbar ist. Take Downs gibt es sowohl in traditioneller Holzausführung als auch als High-Tech-Variante mit Metall- oder Carbon-Mittelteil. Einteilige Recurves mit nur einem Pfeilbett ähneln dem Langbogen, sind jedoch meist zu leicht und verlieren an Stabilität und Schussruhe.
Es ist schwer, eine Regel für die Wurfarmgeometrie aufzustellen, aber der wichtigste Faktor ist der Anstellwinkel (Bild 2), also der Winkel, wie der Wurfarm am Mittelteil aufliegt. Wenn der Bogen im aufgespannten Zustand zu sehr vorgespannt ist, wird er nervös: Wenn der Wurfarm beim Schuss auf einen Schlag steht und kein Nachschwingen hat, ist die richtige Balance zwischen Anstellwinkel und Vorspannung gefunden, was einen ruhigen Schuss ermöglicht und das Abschussgeräusch reduziert.
Nun gibt es auch Recurves, die einen extremen Recurve (Bild 3) haben. Das hat Nachteile, aber auch Vorteile. Der Hauptvorteil liegt darin, dass sich der Bogen sehr weich ziehen lässt. Man hat sogar das Gefühl, dass sich das Zuggewicht reduziert. Das ist aber nur ein gefühltes Let Off. Wenn der Recurve zu extrem wird, kann es auch passieren, dass die Sehne, wenn man nicht exakt nach hinten zieht, vom Wurfarm rutscht (Bild: Extremes Wurfarmdesign).
Ein Thema ist auch die Wurfarmaufnahme. Es gibt im Wesentlichen zwei Varianten. Zum einen haben viele Bogenbauer ein eigenes System entwickelt. Zum anderen gibt es die ILF-Aufnahme (International Limb Fitting). Im Schussverhalten besteht in der Schussqualität kein Unterschied zwischen den Systemen. Beim ILF kann man Wurfarme von verschiedenen Herstellern verwenden. Auch kann man noch beim Tiller einiges verändern, was ja bei einem Bogen mit festen Wurfarmen nicht geht. Und in einem kleinen Bereich, so zwischen 2 bis 4 Pfund, kann man die Bogenstärke noch verändern. Das ist aber abhängig von der Bauweise.
Die richtige Wahl der Bogenlänge hängt von der individuellen Auszugslänge ab. Längere Bögen eignen sich besonders für präzises Schießen, wie es bei 3-D-Turnieren der Fall ist. Sie ermöglichen einen größeren Sehnenwinkel und vermeiden das Einklemmen des Pfeils. Ein langer Bogen schiebt anders an als ein kurzer. Ein kurzer Bogen vermittelt zwar das Gefühl, dass er schnell ist. Ob es tatsächlich so ist, kann man nur mit dem Chronographen feststellen. Auf alle Fälle sind kurze Bögen wesentlich nervöser. Für einen Auszug bis 29 Zoll eignet sich ein 62-Zoll-Bogen, jedoch wäre ein 64er besser geeignet. Mit einem längeren Mittelteil und einem Auszug von 31 bis 32 Zoll kann man eventuell auch einen 68er Bogen ausprobieren.
Jeder Bogenbauer hat seine eigene Geometrie bei den Wurfarmen, die sich je nach Anstellwinkel am Griffstück unterschiedlich auswirken kann. Mit Carbon erhält man einen torsionssteifen Wurfarm mit weichem Auszugsverhalten, was zu höherer Wurfgeschwindigkeit führen kann. Holzlaminate dienen hauptsächlich als Trägermaterial und sind in erster Linie von optischen Gesichtspunkten abhängig.
Grundsätzlich ist es wichtig, dass das Verhältnis zwischen Mittelteil und Wurfarmen stimmt. Ein langes Mittelteil arbeitet besser mit kürzeren Wurfarmen, da diese weniger Masse und somit weniger Schwingungen haben.
Auch bei der Wahl der Wurfarmlänge muss man das Verhältnis zum Auszug beachten. Schützen mit einem langen Auszug benötigen längere Wurfarme, um ein weicheres Verhalten des Bogens zu erreichen und Verklemmen zu vermeiden. Eine Kombination aus einem 22er-Mittelteil und Wurfarmen, die eine Bogenlänge von 66 Zoll ergibt, dürfte für die meisten Schützen passen.
Das Zuggewicht des Bogens sollte so gewählt sein, dass man auch einen Tag lang schießen kann, ohne groß Leistungsfähigkeit einzubüßen. Ein höheres Eigengewicht des Bogens ist zwar von Vorteil, es sollte jedoch nicht zu schwer sein und dem Schützen zusagen. Ein Gewicht von bis zu 1,8 Kilogramm ist aber sicher die Obergrenze.
Schusstechnische Eigenheiten
Langbogen
Zuerst muss man wissen, dass ein Langbogen, wie oben bereits dargestellt, bei gleichem Zuggewicht eine schlechtere Performance wie ein Recurve hat. Man muss also einen etwas stärkeren Bogen schießen, will man auf weite Entfernungen treffen. Gründe sind zum einen die schlechtere Energieübertragung auf den Pfeil, zum anderen muss man schwere Holzpfeile schießen, wenn man auch auf Turniere gehen will.
Zudem muss man feststellen, ob man gebeugt oder aufrecht schießt. Gebeugt muss man schießen, wenn das Zielbild eines Auges vom oberen Wurfarm abgedeckt wird. Bei einem Rechtshänder ist es das Bild des rechten Auges. Ist das der Fall, sieht man das Ziel nicht mehr dreidimensional. Damit hat man mit Zieltechniken, die ein räumliches Sehen voraussetzen, Schwierigkeiten. Solche Zieltechniken wären instinktives Zielen oder auch Gap Shooting. Ein Systemschütze, der mit der Pfeilspitze zielt, hat dabei keine Probleme.
Recurve
Mit einem Recurve hat man es da schon wesentlich leichter. Zu einen ist es mit einem schwächeren Bogen leichter sauberer zu schießen. Mit einem gut abgestimmten Recurve mit 30 Pfund Zuggewicht hat man unter Umständen die gleiche Leistung wie mit einem 45er- oder 50er-Langbogen.
Man kann aber auch teilweise sehr leichte Pfeile verwenden, da ein Recurve ein geringeres Pfeilgewicht aushält. Das bringt den Vorteil auch auf sehr weite Entfernungen noch zu treffen; vorausgesetzt, man hat das Können dazu. Der beste Bogen nützt nichts, wenn man nicht schießen kann. Der Depp steht immer hinter dem Bogen.
Unterschiede in den Schuss- und Zieltechniken
Nehmen wir nur die wichtigsten Zieltechniken im traditionellen Bogenschießen. Das sind sicher das Systemschießen mit der Pfeilspitze (point of Aim) oder dem Bogenfenster. Auch zielen viele instinktiv oder mit einer sonstigen Technik, die auf das Gefühl setzt. Viele nennen diese Zieltechniken pauschal intuitives Schießen. Wenn schon „intuitiv„, müsste es eigentlich intuitives Zielen heißen.
Mit dem Langbogen ist das Zielen mit der Pfeilspitze sicher möglich. Die Entfernungen und die Vorhaltepunkte auszuschießen dürfte für jemand, der diese Zieltechnik beim Recurve verwendet hat, kein Problem sein. Problematisch ist aber das höhere Zuggewicht. Damit ist es unter Umständen nicht mehr so leicht, sich einige Sekunden Zeit zu lassen, um die Pfeilspitze an die richtige Stelle zu bringen. Das bedeutet, dass man eventuell hier trainieren muss, etwas schneller zu schießen. Alternativ könnte man die Kraft aufbauen, um sich genau so lange wie dem Recurve Zeit zu lassen. Das Systemschießen mit dem Bogenfenster ist mit einem Langbogen nur eingeschränkt bis gar nicht möglich. Grund dafür ist das zu kleine Schussfenster.
Bleiben nur mehr Zieltechniken, wo man mit dem Unterbewusstsein oder mit dem Gefühl zielt. Das braucht aber doch seine Zeit, um vom Recurve auf einen Langbogen umzustellen. Hier sollte man ein längeres Programm festlegen, um es gründlich zu trainieren. Eine Variante wäre, dass man bei einer Entfernung von beispielsweise 10 Meter beginnt. Man schießt so lange, bis man die Höhe immer trifft. Das wird bei den kurzen Entfernungen relativ schnell gehen. Dann steigert man die Entfernung immer um 5 Meter und schießt wieder so lange bis es passt. Je größer die Entfernungen werden, desto länger wird man sich Zeit nehmen müssen. Das kann dann schon einige Tage dauern. Wer das nicht macht, muss damit leben, dass er nie gut treffen wird. Der Umstieg von Recurve auf Langbogen ist aber alles andere als leicht. Man muss es nur wollen.
Wer auf einen Recurve umsteigen will, hat es auch hier wesentlich einfacher. Systemschützen, egal ob mit Pfeilspitze oder Bogenfenster, haben das System relativ schnell umgestellt. Und da das Schießen selbst wesentlich einfacher ist, wird das Ganze nicht sehr lange dauern. Ähnlich ist es mit den „intuitiven„ Zieltechniken, instinktives Zielen oder Gap Shooting. Hier wird man zu Beginn das Problem haben, dass die Pfeile zu hoch treffen. Dann sollte man aber nicht den Fehler machen, tiefer zu zielen. Man muss einfach nur so weiter schießen, auch wenn die Pfeile anfänglich zu hoch treffen. Mit der Zeit gewöhnt man sich an die Entfernungen. Auch hier kann man die Entfernungen schrittweise erhöhen, um sich heranzutasten.
Umsteigen
Praktische Unterschiede
Will man es mit dem Umstieg ernst nehmen, muss man sich im Klaren sein, dass nur ein Langbogen ab einer gewissen Preisklasse auch wirklich gut ist. Da wird man schon mindestens 800 Euro hinlegen müssen. Langbögen von der Stange sind zwar günstiger, in der Regel aber auch nicht so leistungsfähig. Will man sich also etwas Gutes leisten, sollte man zu einem Bogenbauer gehen und weniger auf ein Industrieprodukt setzen.
Anders sieht es bei Recurvebögen aus. Hier bekommt man schon für weniger Geld Bögen, die auch eine gute Leistung bringen. Da ist man schon ab rund 400 Euro dabei. Der Grund ist auch klar. Man kann mit diesen Bögen leichte Carbonpfeile schießen, was natürlich Geschwindigkeit und damit auch Reichweite bringt. Außerdem könnte man bei einem Recurve jederzeit die Wurfarme tauschen. Am einfachsten geht das natürlich mit einem ILF-System.
Will man mit einem Recurve auch auf die Bogenjagd gehen, was eigentlich mit so einem Bogen weniger anzuraten ist, hat man mit einem kurzen Bogen natürlich weniger Probleme aus einer Deckung zu schießen. Aber hier ein Rat an alle, die sich mit so einem Gedanken beschäftigen: Ein Compound ist für die Bogenjagd am besten geeignet.
Und noch einen Vorteil haben Recurves. Einen Take Down kann man sehr klein verpacken. Das hat einen Vorteil, will man mit dem Flugzeug sein Equipment mitnehmen. Es gibt zwar auch dreiteilige Langbögen. Da man so einen Bogen aber nur selten braucht, ist diese Investition zu überlegen.
Faustregeln
Umstieg von Recurve auf Langbogen
Will man vom Recurve auf einen Langbogen umsteigen, ist das sowohl schuss- als auch zieltechnisch nicht ganz so einfach. Eon Langbogen hat weniger Leistung. Also muss man einen stärkeren Bogen schießen. Dazu kommt, dass bei Turnieren nur Holzpfeile erlaubt sind.
Umstieg von Langbogen auf Recurve
Vom Langbogen auf den Recurve umzusteigen ist sowohl schuss- als auch zietechnisch relativ einfach. Ein Recurve ist wesentlich besser in der Wurfleistung. Man kann zudem einen leichteren Bogen mit Carbonpfeilen schießen, was einen großen Einfluss auf die Schusstechnik haben kann.
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