Im Flow
Im Leistungstief
Man kennt es vielleicht. Plötzlich funktioniert gar nichts mehr. Die Pfeile fliegen nicht dahin, wo man will, und ein Gefühl macht sich breit: „Hoffentlich treffe ich überhaupt!" Und das auf Ziele, die normalerweise überhaupt kein Problem darstellen. Was also tun?
Seine eigene Leistungsfähigkeit kann man eigentlich relativ gut einschätzen. Ob ein Schuss auf 35 Meter als schwierig oder eben nicht eingeschätzt wird, hängt vom allgemeinen Trainingsstand ab. Normalerweise geht man selbst davon aus, dass man diese Scheibe auch trifft. Fehlschüsse sind eher die Ausnahme und werden auch als solche für sich selbst so eingeschätzt.
Nun gibt es etwas, was man im Sport „im Flow" nennt. Ist man in diesem Zustand, geht alles wie von selbst. Fest steht, einen Flow erreicht man leider nicht auf Knopfdruck und er ist nicht reproduzierbar. Jeder, der einen Flow kennt und erlebt hat, würde diesen gern auf Wunsch wieder herbeizaubern. Aber leider ist das unmöglich. Aber auch genau das Gegenteil kann passieren. Man ist eben nicht im Flow.
Wenn es um sich verschlechternde Leitungen geht, spricht man oft von Leistungstief. Zum einen kann man über längere Zeit die gewohnte Leistung nicht mehr bringen. Man schießt plötzlich weit unter seinem eigenen Niveau; und das zwar deutlich. Schießt man normalerweise bei einer IFAA-Dreipfeilrunde locker immer um die 470, sind es plötzlich nur mehr gerade mal 400. Die Gründe, warum das so ist, erschließen sich einem nicht. Auch macht sich Resignation breit, was die Sache nicht besser macht.
Eine andere Variante eines Leistungstiefs ist wesentlich kurzfristiger. Man schießt eine Runde am Parcours oder auch ein Turnier. Plötzlich reißt der Faden. Man wird unsicher, zweifelt an sich und hat die Einstellung: „Hoffentlich treffe ich überhaupt!„ Man ist plötzlich im Gegenteil von Flow.
Was kann man tun?
Nun die gute Nachricht: Es gibt die Chance, das Umfeld so zu gestalten, damit ein Flow grundsätzlich möglich wird. Eine Möglichkeit besteht darin, eine reale Schusssituation so zu gestalten, dass man sie als „leicht„ oder „lösbar„ empfindet. Wer die innere Einstellung hat: „Auf 45 Meter hab ich doch immer noch getroffen„, ist sicher weit von einem Leistungstief entfernt.
Dietmar Trillus, ein kanadischer Compoundschütze (Ja, auch von denen kann man lernen!), hat eine besondere Art des Trainings für sich entdeckt. Er macht sich die Aufgaben im Training schwieriger. Übertragen auf das Schießen mit traditionellen Bögen kann man diese Variante sehr gut abwandeln. Voraussetzung ist, dass man die Möglichkeiten dazu hat.
Variante 1
Schießt man normalerweise in der Halle auf eine 60er-Auflage, so nimmt man im Training konsequent nur eine 40er. Man wird logischerweise nicht die Punkte schießen, die man auf der größeren Auflage erreicht. Aber man muss konzentrierter und fokussierter sein, um auch hier gute Treffer zu landen. Macht man das über einen längeren Zeitraum, wird die Situation als für sich normal empfunden.
Muss man nun auf die größere 60er-Auflage schießen, wird die Situation plötzlich persönlich als einfach und leicht lösbar eingestuft. Damit hat man schon einen psychologischen Vorteil. Man trifft und fühlt sich sicher. Damit ist eine positive Spirale in Gang gesetzt. Man ist quasi im Flow, man ist mental so gut drauf, dass man einen wesentlich stabileren Leistungszustand hat. Was willst du mehr!
Variante 2
Wer viele Turniere, unter Umständen sogar Meisterschaften nach bestimmten Regeln schießt, kann genauso vorgehen.Im Training schießt man normalerweise die Entfernungen, die für die einzelnen Targetgruppen vorgesehen sind (Gruppe 4: bis 18 m, Gruppe 3: bis 31,5 m, Gruppe 2: bis 41,5 m, Gruppe 1: bis 54 m). Schießt man nun aber immer drei bis vier Meter weiter als üblich, wird man diese Entfernungen mit der Zeit als normal empfinden. Ein Gruppe-4-Ziel auf 22 Meter, Gruppe 3 auf 35 Meter sind auf den meisten Parcours möglich.
Schießt man nun eine normale Runde oder sogar ein Turnier, empfindet man die Entfernungen als läppisch. Man ist sich sicher, auch zu treffen. Fehlschüsse werden als Ausnahme registriert und nicht als Dauerzustand. Man ist in einem ähnlichen Zustand wie im Flow, man ist sicher und zuversichtlich, man ist positiv gestimmt.
Variante 3
Jeder sollte eine gesunde Einschätzung seiner Leistungsfähigkeit haben. Wer auf 50 Meter einen Streukreis von 4 Meter Durchmesser hat, braucht sich nicht zu ärgern, wenn er mal 30 Zentimeter drüber schießt. Diese Einsicht ist aber bei vielen Schützen nicht vorhanden. Man schätzt sich falsch ein, ärgert sich und kommt unter Umständen in eine Negativspirale nach unten.
Um hier eine vernünftige Sicht der Dinge zu erlangen, könnte man folgende Übung öfter machen. Man schießt auf ein Ziel, das für seine Größe extrem weit entfernt ist. Das geht natürlich nur, wenn man geländemäßig die Möglichkeit dazu hat. So könnte man ein Ziel, das man normalerweise auf 25 bis 30 Meter schießt, mal auf 54 Meter probieren. Dazu muss man aber vorher seine Einstellung überdenken und sich über die Situation im Klaren sein.
Auf diese Entfernung steht normalerweise ein großer Hirsch oder sogar ein Bison. Das Ziel, auf das man jetzt schießt, ist so groß wie das Kill der großen Ziele. Was ist also, wenn ich das kleine Ziel irgendwo treffe? Ich hätte beim Bison ein Kill geschossen. Was ist, wenn ich beim kleinen Ziel 15 Zentimeter drüber oder drunter schieße? Ich hätte beim großen Ziel knapp das Kill verfehlt.
Wer so schießt, und einen Fehlschuss als das einordnet, was er ist, wird lernen, seine Leistungsfähigkeit richtig einzuschätzen. Macht man das oft, sind weite Schüsse kein psychologisches Problem mehr, sondern einfach nur weit.
Die Moral ...
Wer Probleme mit Leistungsschwankungen hat, wer des Öfteren das Gefühl hat „hoffentlich treffe ich überhaupt", der sollte im Training diese Methoden anwenden. Dann ist der Flow unter Umständen relativ einfach zu erreichen.
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