Das ging in die Hose

Der Vorführeffekt

Man steht beim Einschießen und einige Leute schauen zu. Man will es ganz besonders gut machen und die Sache geht voll in die Hose. Schusstechnik und auch der Treffer sind absolute Sch... Ein anderes Beispiel: Man möchte jemandem etwas zeigen. Und genau das Gleiche passiert. Auch Teilnehmer unserer Seminare werden immer wieder nervös, wenn wir Videoaufnahmen machen. Und übrigens: Auch wenn ich bei Bogenseminaren etwas ganz besonders gut vorzeigen möchte, passiert mir oft das Gleiche! Was ist der Grund dafür? Man nennt es allgemein den Vorführeffekt. Aber was versteht man jetzt genau darunter und wie kann man das vermeiden?

Mit dem Begriff Vorführeffekt wird das totale Misslingen einer Vorführung oder eines bestimmten Kunststücks aufgrund der Vorführsituation bezeichnet. Beim Bogenschießen ist es eben ein Schuss oder sogar ein besonderer Schuss. Typisch ist zum Beispiel ein Schuss, den man schon oft erfolgreich gemacht hat und der vor Publikum plötzlich absolut misslingt. Dieser Misserfolg wird meist durch die Nervosität, die durch die Anwesenheit von Leuten, von denen man selbst weiß, dass sie mich genau beobachten, hervorgerufen. Und oft genügt schon deren Anwesenheit. Man nimmt nur an, dass man beobachtet wird. Dabei ist der Effekt umso stärker, je mehr Leute zuschauen.

Will ein Coach oder Trainer Verbesserungen bei einem Schützen erreichen, muss er zwangsläufig beobachten. Dabei tritt eine Form des Vorführeffekts auf, die in der empirischen Sozialwissenschaft Beobachterparadoxon genannt wird. Ziel einer Beobachtung ist es, Vorgänge und Verhalten in ungestörtem Verlauf zu erfassen. Aber gerade durch die Anwesenheit eines Beobachters wird dieser ungestörte Verlauf oft beeinträchtigt.

Man kann den Vorführeffekt auch von Murphys Gesetz ableiten: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen." Genau das geschieht sehr oft, wenn man Videoaufnahmen von Seminarteilnehmern macht. Hier will man ein objektives Auge auf den Schützen legen. Aber genau das ist es, was die Leistung, in dem Fall einen sauberen Schuss, verhindert. Erfahrene Artisten machen sich diesen Umstand zunutze, indem z.B. Seiltänzer regelmäßig proben, vom Seil zu fallen. Sobald dann Zuschauer anwesend sind, tritt der Vorführeffekt ein und der Artist bleibt auf dem Seil stehen, da das Herunterfallen nicht mehr klappt.

Der Vorführeffekt kann aber auch mit negativen Vorzeichen auftreten, z.B. wenn ein eigentlich tropfender Wasserhahn plötzlich nicht mehr tropft, sobald der gerufene Handwerker da ist. Oder der Pfeil oder der Bogen plötzlich nicht mehr das macht, was man immer wieder beobachten konnte. So wird man bei einem Bergauf- oder Bergabschuss innerhalb seines persönlichen Schussbereichs normalerweise immer zu hoch treffen. Möchte man das jetzt zeigen, steckt er plötzlich in der Mitte.

Vorführeffekt Situation 1:
Leute schauen beim Einschießen zu.
Vorführeffekt Situation 2:
Man wird gefilmt und möchte es besonders gut machen.
Vorführeffekt Situation 3:
Schießen vor Publikum

Erklärungsansätze

Leistung unter Beobachtung – ein bekanntes Phänomen
Wissenschaftler an der University of Sussex und Brighton haben mit Hilfe von MRT-Aufnahmen eine Hirnregion identifiziert, die hierfür verantwortlich sein könnte. Ob Menschen unter Druck und Beobachtung besser oder schlechter arbeiten, ist von einer Vielzahl äußerlicher und individueller Faktoren abhängig. Dennoch ist das Gefühl, unter Beobachtung Fehler zu machen, die sonst nicht passieren, fast jedem bekannt. Die Wissenschaftler berichten, dass in vielen wissenschaftlichen Versuchen Teilnehmer unter Beobachtung mehr Kraft in ihren Bewegungen einsetzen. Für sportliche Wettkämpfe, wie Sprints oder Gewichtheben, kann dies die Leistung von Athleten verbessern. Ein Sportler, wie z.B. ein Bogenschütze, der feinmotorische Bewegungen ausführen muss, hat dagegen Nachteile von einem übermäßigen Krafteinsatz.

Die Wissenschaftler untersuchten das Phänomen an 21 gesunden Probanden. Die Teilnehmer mussten mit einem Handkraftmesser ein bestimmtes Kraftniveau für fünf Sekunden aufbringen und für weitere 15 Sekunden aufrechterhalten. Den Teilnehmern wurde in der Haltephase ein Video vorgespielt, in welchem zwei Forscher die Teilnehmer scheinbar beobachteten oder sich von den Teilnehmern abwandten und sie so unbeobachtet ließen. Die Hirnaktivität wurde in dieser Phase mit funktionalen MRT-Aufnahmen erfasst.

Die Teilnehmer berichteten, dass sie sich im Experiment unwohler fühlten, wenn sie unter scheinbarer Beobachtung standen. Tatsächlich packten sie den Handkraftmesser unter der Scheinbeobachtung mit mehr Kraft. Wenn die Anwesenheit anderer die eigene Leistung verschlechtert, bezeichnet man das als soziale Hemmung; im Alltag ist das eben der Vorführeffekt. In den Fällen, wo jedoch genau das Gegenteil eintritt, nennt man das soziale Erleichterung.

Erregungsniveau und motorisches Können
Ein weiterer Erklärungsansatz für dieses Phänomen ist, dass es dem Organismus unter einem erhöhten Erregungsniveau leichter fällt, gut gelernte Verhaltensweisen zu zeigen, als neue, ungewohnte. Man hat also weniger Probleme einen Schuss zu machen, wo man weiß, dass man ihn gut kann, als einen, wo der Ausgang etwas ungewiss ist. Das ist beispielsweise bei kurzen und weiten Entfernungen der Fall. Wenn man also weiß, dass man auf 50 Meter eventuell viel zu kurz schießt, sollte man es lieber lassen. Weiß man allerdings, dass die Wahrscheinlichkeit auf diese Entfernung bei 80 Prozent liegt, kann man es ohne weiteres wagen. Auch wenn der erste Schuss knapp daneben geht, trifft vielleicht der zweite oder dritte.

Diese Theorie stimmt mit vielen Studienergebnissen überein. Allerdings zeigte sich, dass die bloße Anwesenheit anderer nicht ausreicht. Das Gefühl bewertet zu werden, gibt den Ausschlag für mehr Sicherheit oder Unsicherheit beim Handeln. So lassen einen Beobachter, von denen man annimmt, dass sie die eigene Leistung nicht beurteilen können, kalt. Das ist dann der Fall, wenn man von Nichtbogenschützen beobachtet wird. Oder auch, wenn es Anfänger sind, die das Ganze noch überhaupt nicht beherrschen. Da ist man dann schon Experte, wenn man mit dem eigenen Bogen einigermaßen sauber ziehen und ankern kann.

Vom bewussten Lernen zur automatisierten Bewegung
Ein weiterer Erklärungsansatz könnte in unserem Bewusstsein und Unterbewusstsein liegen. Wer das Bogenschießen erlernt, muss den Bewegungsablauf bewusst so lange üben, bis er automatisch abläuft. Das dauert seine Zeit. Man muss das aber so lange machen, bis es unterbewusst, also automatisch abläuft. Mit Hilfe des Bewusstseins wird die optimale Variante des Bewegungsablaufes gesucht. Dann muss das gelernte Können automatisiert werden. Der Bewegungsablauf muss ständig wiederholt werden, und allmählich beginnen die Bewegungen (zumindest die Elemente Vollauszug, Anker, Rückenspannung und Release) automatisch abzulaufen. Laufen die Bewegungen erst einmal automatisch ab, braucht sich das Bewusstsein nicht mehr um Details zu kümmern. Die Bewegungen werden fließend und locker und die Sicherheit, mit der sie nun ablaufen, ist sehr groß.

Gliedert man den Schussablauf in mehrere Teile, so kann festgestellt werden, dass nicht alle Elemente im gesamten Schussablauf zwangsläufig unterbewusst ablaufen müssen. Der Stand und die Körperhaltungen werden bewusst eingenommen. Auch die Positionierung der Zughand und der Bogenhand sowie des Bogenarms können noch sehr bewusst gemacht werden. Geht man in die Vorspannung, übernimmt idealerweise allmählich das Unterbewusstsein die Steuerung. Der Vollauszug sollte bereits unterbewusst erfolgen. Auch das Ankern und erst recht das Lösen sollte man nur mehr unterbewusst bewerkstelligen. Der Übergang vom bewussten zum unterbewussten Ablauf erfolgt bei den Elementen in Vorspannung bzw. in den Vollauszug gehen. Ankern, den Pfeil loslassen und nachhalten erfolgen dann komplett unterbewusst. Wo der Übergang zwischen bewusstem und unterbewusstem Ablauf ist, kann individuell verschieden sein. Auch kann es sein, dass dieser Punkt im Laufe der Zeit im Schussablauf weiter nach vorne rückt.

Lösungen

Es gibt unterschiedliche Situationen, wo man mit dem Vorführeffekt Bekanntschaft machen kann. Ein guter Tipp wäre, dass man das, was man vorführen möchte, auch gut kann. Wer mit der Einstellung schießt „hoffentlich treffe ich„, hat dabei schon von vorneherein schlechte Karten.

Alleine üben
Wer den Anspruch an sich hat, nur Gutes in der Öffentlichkeit zum Besten zu geben, der sollte, wenn man öfter mit dem Problem zu kämpfen und damit ein Problem hat, alleine üben. Will man Videoaufnahmen machen, wo der Effekt nicht auftritt, ist es auch besser, sich selbst ohne lästige Zuschauer aufzunehmen. Mit einem Tablet oder Smartphone und Stativ ist das kein Problem.

Einfache Aufgaben
Steht man unter echter oder vermeintlicher Beobachtung, sollte man einfache Schüsse machen. Beim Einschießen ist man sicher auf 18 Meter ruhiger als auf 50 Meter. Oder ein kleines 3-D-Ziel ist schwieriger zu treffen als ein großes.

Damit das einfacher wird, könnte man es sich beim Üben oder Trainieren schwieriger machen. Man schießt beispielsweise immer etwas weiter als auf einem Parcours auf das gleiche Ziel. Führt man dann etwas vor, ist man schon wesentlich weniger angespannt, weil man sich sicherer ist, auch zu treffen. Das wäre auch eine gute Übung für Wettkampfschützen, um einen psychologischen Vorteil gegenüber den Kollegen zu haben.

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