Bogenschießen in Bhutan
von Werner Gschrei
Das Ziel 145 Meter entfernt, optisch kaum noch auszumachen. Wollten wir uns trotzdem wieder dieser Herausforderung stellen? Doch von Anfang an. Der letzte Oktober im Jahre 2018 sollte wieder einen Besuch bei unseren Freunden in Bhutan für uns bereithalten. Zusammen mit Ute, Doris, Harry und Werner machten wir uns also auf, dieser Herausforderung Folge zu leisten. Mittlerweile schon mehrmals übrigens!
Die etwas strapaziöse Anreise wurde unterbrochen durch eine Übernachtung bei guten Freunden in Kathmandu. Aber schon der nächste Tag brachte uns mittels eines abenteuerlichen Anfluges auf Paro, dem Flughafen von Bhutan, näher heran zu dem Urlaub, den wir uns wieder so sehnlich gewünscht hatten.
Empfangen wurden wir von unserem Freund Sangye Dorji, übrigens der Vertreter Bhutans bei der WM 2010 in Dahn. Langsames Akklimatisieren war nun angesagt, da unser Aufenthaltsort schon auf fast 2.200 Meter Meereshöhe lag! Eine Übernachtung in Paro war also geplant, um dann am nächsten Tag zu unserem eigentlichen Ziel nach Punakha zu reisen. Eingebettet bei unseren Freunden, durften wir erneut diesen ganz privaten Zugang zu seiner Familie genießen. Kein Hotel mehr, einheimische Küche und viele Bekanntschaften durften wir die nächsten Tage kennenlernen. Jedermann freute sich, uns Europäer als Exoten zu begutachten. Wir genossen natürlich auch diesen Ausnahmestatus etwas „Besonderes„ zu sein. Gesprochen wurde in Englisch und mit Händen und Füßen. Jeder verstand uns, ebenso wie wir sie.
Die nächsten Tage führte uns Sangye durch seine Heimat. Durch den Himalaya. Viele Kilometer Straßen bergauf, bergab, teils befestigt, meistens Schotterpiste. Mit steilen, furchteinflößenden Tiefblicken bis zu unheimlich weiten und faszinierenden Rundumblicken auf all die 7000er seines Landes. Der Besuch ihrer Klöster, Dzongs und anderen Heiligtümer war einmal mehr sehr interessant.
Die ersten Trainingspfeile konnten wir dann auf einem nahe gelegenen Bogenplatz fliegen lassen. Da jedes noch so kleine Dorf so einen Platz besitzt, ist es dann auch nicht schwer, Trainingszeiten zu ergattern. Diese Anspannung beim ersten Pfeil. Wie hoch muss ich anhalten, oder doch genau draufhalten? Gar nicht so einfach, da unser Compound gerade mal bis auf das Nötigste ausgestattet war. Also Sehne, Pfeilauflage, sonst nichts mehr. Du stehst am Abschussplatz, visierst irgendwie über dein Bogenfenster und lässt aus. Natürlich mit Tap geschossen! Release verboten!
Er fliegt ziemlich lange, bis er sich irgendwo im Sand, natürlich weit vor dem Holzbrett im Boden verankert. Also mit dieser Erkenntnis greift man zum zweiten Pfeil. Ergebnis. Das gleiche. Also was ändern? Zunächst einmal nichts, da die zwei Pfeile ja schon geschossen sind. Nun folgt der Fußweg zur Scheibe, um dann wieder zurückzuschießen zum ersten Abschusspflock. Also kurz erklärt. Es gibt zwei Ziele, jeweils ein Holzbrett 70 x 25 groß in 145 Meter Entfernung. Abwechselnd schießt man nun vom einen auf das andere Ziel. Während eines Turniers, bei dem zwei Mannschaften antreten, mit jeweils 12 Mann, beginnen 6 Mann auf der einen Seite und 6 Mann auf der anderen Seite mit dem Schießen. Trifft der Pfeil der eigenen Mannschaft, wird kräftig gesungen und getanzt. So geht es den ganzen Tag. Auf und ab. Dazwischen wird getrunken, gegessen und dem Nationalsport gehuldigt. In jedweder Form. Die Pfeile, Alu übrigens, werden mittels Fuß und Muskelkraft gezogen. Teilweise sehr anstrengend.
Dieses Erlebnis, in dieser fremden Kultur, zusammen mit diesen außergewöhnlich netten und freundlichen Menschen, genießen zu dürfen, betrachte ich als ein sehr großes Geschenk. Bescheidenheit zu erfahren, jeder wird als gleichwertig erachtet, ob er nun zehnmal trifft oder gar nicht. Spielt keine Rolle. In diesem System ist jeder willkommen, der sich dieser Aufgabe stellt.
Im Laufe des Trainings stellen sich dann auch die eigenen Erfolgserlebnisse ein. Wenn Du dann das Holzbrett getroffen hast, stellt sich eine besondere Form von Stolz ein. Unbeschreiblich. Während eines Turniers zeigt eine Anzahl von bunten Tüchern, die um den Bauch geschlungen werden, die Anzahl deiner Treffer an. Je mehr, desto besser. Ich hatte großen Respekt vor einigen sehr guten Schützen, die bis zu 20 dieser Bänder umgebunden hatten.
Mit unseren Fahrten durch dieses schöne Land, mit diesen Eindrücken von den Menschen und ihrer Kultur, die Erlebnisse so intensiv gespürt zu haben, die Kinder so lachen zu sehen, auch wenn es sich nur um ein Stück Schokolade handelte, das alles ist uns wahrscheinlich schon abhanden gekommen.
Von diesen Menschen können wir eigentlich nur lernen, wenn es heißt glücklich und bescheiden zu sein. Deshalb auch ihr Lebensmotto des „Bruttosozialglücks„ das scheinbar jeder in Bhutan lebt. Wir haben es auf jeden Fall genossen, in dieser kurzen Zeit unseres Besuches Teil dieses Glückes gewesen zu sein.
Ich würde jedem meiner Schützenkollegen diese Erfahrungen einmal wünschen. Alle ins Gold oder soll ich besser sagen, alle ins Brett.
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