Bögen für Lange

Nach Leonardo Da Vinci ist der Menschen normalerweise symmetrisch gewachsen.

Von Ingo Rieken

Die Menschen werden immer größer, besonders im Nordwesten Europas. In den letzten 100 Jahren hat die durchschnittliche Körpergröße von Männern um bis zu 15 cm zugenommen. Die größten Menschen findet man heute in den Niederlanden, Dänemark und in Deutschland, hier besonders in Hamburg (Männer Ø 1,837 m). Fast 25 % aller Deutschen sind größer als 1,80 cm, 3,8 % immerhin noch größer als 1,90 m, Tendenz steigend.

Diese Menschen kommen in vielen Dingen des Lebens im wahrsten Sinne zu kurz. So sind Hotelbetten zu kurz, Türdurchgänge zu niedrig, Hosen haben Hochwasser, Autos sind zu flach und Stühle zu tief. Ein solches XXL-Problem ist aber auch die Suche nach einem geeigneten Bogen.

In unserer mobilen Bogenschule müssen wir immer häufiger Anfänger über 1,90 m mit ausreichend langen Bögen und Pfeilen ausstatten, um traditionelles, intuitives Bogenschießen in der „richtigen Technik" lehren zu können. „Richtig" ist beim intuitiven Bogenschießen ein weit fassbarer Begriff, aber jeder Schütze sollte zumindest die Gelegenheit haben, die Grundlagen des Bogenschießens mit einem korrekten Auszug und festem Anker bei entsprechender Rückenspannung ausüben zu können. Und hier beginnt das Problem – die persönliche Auszugslänge!

Warum haben vorwiegend nur lange Schützen mit diesem Problem zu tun? Das liegt an den Körperproportionen, also an dem Verhältnis von Körpergröße zu Armlängen. Seit Leonardo Da Vinci und seinem Vitruvianischem Mann (1490) ist bekannt, dass Menschen normalerweise symmetrisch gewachsen sind. So sind z.B. unsere Füße so lang wie unsere Unterarme und unsere Armspannweite entspricht unserer Körpergröße. Das Verhältnis von Körpergröße zu Armspannweite wird durch den sog. Affenindex (Ape Index) beschrieben, also Armspannweite von z.B. 180 cm zu Größe von z.B. 175 cm = 1,028. Der Affenindex dient dazu, in der Medizin Normabweichungen zu definieren und in einigen Sportarten wie Boxen, Schwimmen, Werfen oder Klettern eine besondere Eignung für diese Sportarten zu beschreiben. Wenn also ein Bogenschütze mit einer Größe von 1,95 bis 2,01 m alles richtig macht, hat er meistens auch einen persönlichen Auszug von 34 bis 36 Zoll Länge. Was also tun?

Lange Bögen:
Lange Bögen: Nicht leicht zu finden.

Zunächst stellt sich die Frage nach geeigneten Pfeilen in der erforderlichen Länge und passendem Spine. Derzeit lässt sich das Problem lösen, da die Firma Nijora Carbon-Schäfte bis 36 Zoll anbietet. Zuletzt gibt es auch Spitzverlängerungen, die allerdings wegen des zusätzlichen Gewichtes einen Einfluss auf den Spine der Pfeile haben.

Anfänger sind sich der Notwendigkeit, einen zur Körpergröße passenden Bogen haben zu müssen, zunächst gar nicht bewusst. Ihre Haltung ist anfangs eher rund und der Auszug noch – ohne eine gute Rückenspannung und gerade Linie von Zugarm und Pfeil – kurz. Als Einsteigerbögen findet man einige Take-Down Recurves mit Längen von 70/72 Zoll. Für große Menschen von 1,85 bis 1,90 m gibt es noch Bögen, die bis zu 33 Zoll ausgezogen werden können.

Spannender wird es dann, wenn die Begeisterung für das Bogenschießen in den Wunsch nach einem eigenen und besseren Bogen mündet. Für den Fortgeschrittenen wird es dann schwierig, einen bezahlbaren Wunschbogen zu finden, egal ob es dabei um Recurve-, Lang- oder Hybridbögen geht. Bei kurzen Recurvebögen wird der Sehnenwinkel bei einem langen Auszug sehr spitz. Einige Recurvebögen mit Längen von 64 oder 66 Zoll werden angeboten, die einem solchen Auszug standhalten werden. Gleiches gilt für Langbögen mit 72 oder gar 74 Zoll Länge (siehe Tabelle). Jedoch muss hier geprüft werden, ob die Hersteller hierfür auch eine Garantie geben. Oft ist es vielen Fortgeschrittenen nicht bewusst, auf welche Eigenschaften sie bei der Suche nach einem geeigneter Bogen achten müssen. Nicht selten wird dann Material gekauft, das den Anforderungen auf Dauer nicht standhält. Leider liegt das auch daran, dass die Anbieter mit Daten zur garantierten Auszugslänge ihrer Bögen sehr sparsam umgehen.

Aber – bedeutet das schmale Angebot für die langen Schützen, dass sie ihre Auszugslänge künstlich verkürzen sollen, indem sie wie WA-Schützen an Kinn und Nase ankern? Oder sollen sie mit einer krummen Haltung oder abgewinkelter Zughand an der Sehne schießen, wie man vereinzelt auf der PaderBow hören konnte? Wir denken nein, und es wäre wünschenswert, dieses Marktsegment für große Schützen besser zu bedienen. Das soll aber nun nicht heißen, all diesen Schützen einen japanischen Yumi vorzuschlagen.

Wir haben in unserer Bogensportgemeinschaft Halstenbek-Waldenau bei Hamburg drei Schützen mit gemessenen Auszügen von 34 und 35 Zoll (ohne Sicherheitsreserve). Alle sind „Bogen suchend". Um diese Vereinsmitglieder zu unterstützen, haben wir Kontakt zu einigen Herstellern und Händlern aufgenommen. Auch auf der letztjährigen PaderBow befragten wir viele Aussteller, welche Bögen sie aus ihrem Angebot für Auszüge von 33 – 36 Zoll empfehlen würden. Fast immer wurde unsere Frage mit einem staunenden Kopfschütteln beantwortet.

Es gibt einige wenige Tipps, die man langen Schützen bei der Suche nach einem geeigneten Bogen mit auf den Weg geben kann. So kann man einen Bogen mit einem reversen Mittelstück kaufen, das also vor den Wurfarmen liegt und damit einen Teil der Auszugslänge „einspart". Auch ein längeres Mittelstück lässt sich auswählen oder ein kurzes Mittelstück könnte man mit langen Wurfarmen kombinieren. Jedoch muss das Verhältnis zueinander passen, damit die Stabilität nicht leidet.

Selfbows lassen sich leichter verlängern und ein erfahrener Bogenbauer kann dem Bogen trotzdem die gewünschte Stärke geben. Aufgrund ihrer Bauart sind Reflexbögen vergleichsweise weit ausziehbar, und lassen sich bei entsprechender Länge noch mit dem mediterranen Griff ziehen. Dies sind aber alles nur Kompromisse.

Die Nachfrage nach längeren Bögen ist vergleichsweise klein, aber einige Bogenbauer meinten, längere Recurves oder Hybridbögen mit Längen von 66 – 68 Zoll oder Langbögen von 70 – 74 Zoll würden entsprechende Leistungen haben können. Dass man einen Bogen nicht beliebig lang bauen kann, und dass das Biegeverhalten der Wurfarme irgendwann unkomfortabel wird (Stacking), ist verständlich. Ein weiterer Grund für die geringe Anzahl an geeigneten Bögen sind die für die Herstellung erforderlichen Bauformen, die es meist nur bis zu einer Länge von 64 Zoll bei Recurvebögen und 70 – 72 Zoll bei Langbögen gibt – und eine neue Form ist teuer! Neue Materialien werden es aber erlauben, das Bogendesign mit zu verändern und so die Physik ein wenig zu überlisten.

Geht ein Bogenschütze heute zum Bogenhändler seines Vertrauens, wird es wirklich eng, das Ergebnis ist in der folgenden Tabelle dargestellt. Es gibt nicht viele geeignete Bögen, besonders wenn man beachten muss, dass die Hersteller auch die Garantie übernehmen sollten, dass die Bögen tatsächlich so einen weiten Auszug aushalten.

Hilfreich zur theoretischen Bewertung eines Bogens sind Auszugsdiagramme wie hier für den Sniper 70" von BearPaw. Es zeigt, dass der Sniper bis 35" ausgezogen werden könnte, jedoch der Komfort durch beginnendes Stacking ab 30/31" geringer wird.

Ein weiterer Aspekt muss bei der Auswahl des Bogens beachtet werden – nämlich das Zuggewicht. Bekanntlich wird das angegebene Zuggewicht normalerweise auf einen Auszug von 28“ bezogen. Also muss ein Bogen mit einem langen Auszug bei 28" noch ein so niedriges Zuggewicht haben, dass es auch bei 34" oder mehr noch beherrschbar ist. Wird das Verhältnis von Zuggewicht zu Bogenmasse zu ungünstig, könnte der Bogen einen unangenehmen Handschock entwickeln.

Da es kaum passende Bögen aus großtechnischer Herstellung gibt, bleibt dem langen Schützen nur der Weg zu einem erfahrenen Bogenbauer. Im Weg steht ihm dabei aber oft ein nur kleines Budget. Viele lange Schützen sind junge Leute, die sich gerade im Aufbau eines Familien- und Berufslebens befinden und nicht mehr als € 500,- investieren können. Dass ein handgefertigter Custom-Made-Bogen mit Übermaßen dafür kaum zu bekommen ist, ist nachvollziehbar.

Verteilung der Körpergröße Zu kleiner Sehnenwinkel:
Bei kurzen Recurvebögen wird der Sehnenwinkel bei einem langen Auszug sehr spitz.
BearPaw Sniper 70 Zoll:
Bei 30/31 Zoll beginnt das Stacking.

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