Von anderen lernen und seine Analysen ableiten

Wer das Bogenschießen etwas sportlicher betrachtet, will natürlich treffen. Das ist aber leichter gesagt als getan. Oft ist man unsicher, ob das Ziel nun weit oder doch nicht so weit ist. Trotzdem muss man sich entscheiden, wie weit – bewusst oder gefühlsmäßig eingeschätzt – es nun ist. Und dabei gibt es eine Menge Fehlerquellen. Ideal wäre es, wenn man genügend Anhaltspunkte für seine Analyse hätte.

Wer auf bestimmte Entfernungen treffen möchte, muss zuerst einmal eine gute und immer – ganz wichtig – gleichbleibende Schusstechnik haben. Ziehe ich einmal mehr, einmal weniger, hat der Pfeil immer unterschiedliche Geschwindigkeiten. Damit wird er einmal höher, das andere Mal tiefer treffen. Das macht es aber fast unmöglich, bei einem Fehlschuss den wahren Grund für den Fehlschuss zu finden.

Planmäßiges Vorgehen

Will man am Parcours oder bei einem Turnier wirklich gut schießen, sollte man planmäßig vorgehen. Dazu wäre ein Ablauf von folgenden Punkten sehr hilfreich:

1. Geländeanalyse
Dabei geht es darum, sich die jeweilige Schuss-Situation anzusehen. Wie weit ist es, geht es bergauf oder bergab, etc.?
2. Pick a Spot
Hier legt man sich aufgrund seiner Analyse dann fest, welche Zieltechnik man bei diesem Schuss verwendet oder wohin man tatsächlich zielt. Gute Schützen verwenden nämlich sehr oft mehrere Zieltechniken für unterschiedliche Entfernungen. Auch muss die Flugbahn bei steilen Schüssen berücksichtigt werden.
3. Der erste Schuss
Hier geht es dann darum, mit einer sauberen Schusstechnik zu schießen.
4. Fehleranalyse
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Hat man danebengeschossen, sollte man jetzt wissen, wo der Fehler gelegen hat.
- Hat man knapp drüber oder drunter geschossen, muss man überlegen, ob man überhaupt etwas ändern muss. Es kann ja sein, dass der eigene Streukreis auf diese Entfernung etwas größer als das Ziel ist.
- Hat man links oder rechts danebengeschossen, war es höchstwahrscheinlich ein schusstechnischer Fehler.
- Hat man zu hoch geschossen, war es eher ein zieltechnischer Fehler. Der Abschusswinkel hat nicht gepasst.
- Hat man zu tief getroffen, kann es ein Zielfehler gewesen sein. Der Abschusswinkel hat nicht gestimmt. Es kann aber auch ein zu kurzer Auszug gewesen sein.
5. Fehlerkorrektur
Nur wer weiß, wo der Fehler gelegen hat, kann diesen auch korrigieren. Wer also eine gute Fehleranalyse macht, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit beim nächsten Schuss auch treffen.

Von anderen abschauen

Hier ist weniger gemeint, dass man sich den Schuss-Stil von jemandem abschaut. Hier ist vielmehr gemeint, dass man versucht, seine eigene Geländeanalyse mit dem, was die Kollegen machen, zu vergleichen und dadurch zu einer eventuell anderen Schlussfolgerung kommt.

Um von jemand anderem etwas ableiten zu können, muss man wissen, wie gut er oder sie schießt. Man sollte die Leistungsfähigkeit des anderen einschätzen können. Das geht oft bei Bekannten, mit denen man öfter schießt. Das funktioniert aber auch bei Turnieren, wo man seine Konkurrenten kennt. Bei Meisterschaften sind ab dem zweiten Tag immer die gleich guten Schützen in den einzelnen Gruppen. Und gerade hier ist es besonders wichtig. Dazu einige Beispiele:

Beispiel 1

Beispiel 1:
Beispiel 1: Dunkle Scheibe vor dunklem Hintergrund erscheint weiter weg.

Bei einer Meisterschaft schießen die sechs Besten in einer Gruppe. Es wird abwechselnd geschossen, sodass sich niemand aussuchen kann, in welcher Reihenfolge geschossen wird. Das nächste Ziel ist eine Gruppe-1-Scheibe, eine schwarze Wildsau etwas im Unterholz.

Nun beginnt bei – nennen wir ihn Dirk – die Geländeanalyse (Punkt 1: Geländeanalyse). Er überlegt: Es ist weit, aber ist es so weit, dass ich auf Point of Aim umsteigen soll. Er weiß, dass dunkle Ziele vor dunklem Hintergrund etwas weiter erscheinen. Er entschließt sich vorerst einmal, es mit Point of Aim zu versuchen. Aber er ist sich nicht ganz sicher.

Dirk hat aber das Glück, nicht als Erster schießen zu müssen. Die A-Karte hat wer anderer gezogen. Auch der macht sich Gedanken. Wohl oder übel tritt er an den Pflock und schießt. Dirk weiß inzwischen, dass sein Konkurrent bisher auf alle Gruppe-1-Ziele getroffen hat. Der Pfeil geht relativ weit drüber. Nun weiß Dirk schlagartig: Der ist nicht so weit weg, wie es scheint und legt für sich fest, hier mit seiner Standard-Zieltechnik, nämlich der instinktiven zu, schießen bzw. zu zielen (Punkt 2: Pick a Spot).

Nun tritt Dirk an den Pflock, konzentriert sich auf einen kleinen Punkt im Kill ... und trifft. Perfekt! Hätte er mit der Pfeilspitze gezielt, hätte er höchstwahrscheinlich auch drüber geschossen.

Beispiel 2

Beispiel 2:
Beispiel 2: Bergauf kann es schon mal drüber gehen.

Urs und Sepp aus den Alpen gehen wie so oft eine Parcoursrunde. Die beiden kennen sich schon lange, wissen also wie gut der andere ist bzw. derzeit ist.

Ein steiler, relativ kurzer Bergaufschuss steht an. Da beide jeden Schuss planmäßig angehen, macht jeder seine Geländeanalyse. Das Problem ist aber, dass der Parcoursbetreiber eine neue, den beiden unbekannte Scheibe dort aufgestellt hat. Das macht natürlich den Punkt 2 schwierig. Man muss ja bei Bergaufschüssen unter Umständen drunter halten; aber wie weit ist hier die Frage.

Nun ist der Schweizer an der Reihe. Der Österreicher ist auch etwas verunsichert, schaut sich die Sache aber entspannt an. Urs schießt und ballert drüber! Ups, was war das? Aber unser Sepp weiß jetzt, was zu tun ist. Er muss etwas tiefer zielen, als er ursprünglich gedacht hat. Gesagt getan. Und „peng", der Pfeil sitzt.

Als beider näher kommen, stellen sie fest, dass das 3-D-Tier sehr klein ausgefallen ist. Das Unterbewusstsein von Urs hat die Entfernung also falsch eingeschätzt und er hat damit zu hoch geschossen.

Die Moral ...
Wenn man sich von anderen etwas abschauen möchte, muss man sich mit den Dingen vorher schon beschäftigen. Man kann hin und wieder sein Ergebnis der Geländeanalyse, nämlich Pick a Spot (Punkt 2) mit den Schüssen anderer vergleichen. Dazu muss man aber in der Lage sein, die Leistung des anderen einzuschätzen. Mit Anfängern oder Leuten, die mal treffen, mal nicht, ist das sicher nicht möglich.

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